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Jürgen Becker

Amerikanern fehlen die Worte
Jürgen Becker und der Kapitalismus

VON HELGA RAMLER
Kölner Stadtanzeiger vom 11.12.2003

Der Kabarettist philosophierte in der Kulturkirche
- und wies auf entscheidende Unterschiede zwischen Rheinländern und US-Bürgern hin.

Nippes - Alle Kirchenbänke waren besetzt, viele Zuhörer genossen den Abend zwei-einhalb Stunden lang im Stehen. Aufmerksam lauschten sie einem gleichermaßen 'ökumenischen wie ökonomischen' Vortrag, zu dem die Kulturkirche in die Siebachstraße eingeladen hatte. Doch auf der Kanzel war weder ein Priester noch ein Wirtschaftsboss zu entdecken, sondern einer, der sich mit Wortwitz den Mysterien und dem Kapitalismus näherte.
'Da wissen Sie mehr als ich', beteuerte Jürgen Becker immer wieder, als er mit seinem Kabarett-Programm in dem evangelischen Gotteshaus gastierte. Dabei wusste er im Detail zwischen dem amerikanischen und dem rheinischen Kapitalismus zu unterscheiden, was der Kabarettist an überzeugenden Beispielen belegte. Während das Krankfeiern beispielsweise zu den 'schönste Sünden' des rheinischen Kapitalismus zähle, sei dies den Amerikanern völlig fremd. Sogar die Worte würden den US-Bürgern für das Krankfeiern fehlen, führte Becker zum Beweis an, denn wer hätte jemals von einer 'ill-party' oder einem 'sick-festival' gehört? Mit weiteren anschaulichen Beispielen dieser Art schmückte der Kabarettist auch seinen Streifzug durch die Geschichte, auf dem er die Ideen eines Franz von Assisi, eines Karl Marx oder Konrad Adenauer nach den Regeln des rheinischen Kapitalismus interpretierte und so sein Publikum mehr und mehr in dessen Mysterium einweihte.
Ein Auftritt, der nur in der evangelischen Kirche vorstellbar ist, denn diese ist - anders als die katholische nicht geweiht, erklärte Thomas Diederichs. Der Pfarrer der Lutherkirche brauchte nur das Einverständnis des Presbyteriums, um im September letzten Jahres das Nippeser Gotteshaus in eine KulturKirche zu verwandeln. Seither wird dort neben Gottesdiensten regelmäßig für kleines Geld ein Programm geboten darunter Dichter-Lesungen oder Jazz-Musik - das in der Gemeinde sehr gut ankommt. 'Unser Schwerpunkt ist die Unterhaltung auf hohem Niveau', sagt Diederichs. Dabei trage der neogotische Kirchenraum als Schauplatz mit seiner einzigartigen Atmosphäre zu jeder Aufführung seinen Teil bei, meint der Pfarrer. 'Das Gotteshaus hat ein Eigenleben und spricht für sich', sagt Diederichs. Genau wie die hohen Zuschauerzahlen, die vom Erfolg des ungewöhnlichen Konzeptes zeugen.

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