Deutsch | English
VON STEFFI MACHNIK
Stadtanzeiger vom 23.6.2004
Nippes - Den Abend ruhig angehen lassen und erst mal rüber ins "Rosenrot": Pantomime mit der Gruppe "Maskitas". Überraschend die Stille und angespannte Aufmerksamkeit, die sich auf dem Bürgersteig und der Straße vor dem Lokal ausbreitet. Nahezu atemlos verfolgen die Gäste die Vorstellung der drei Ehrenfelder Frauen mit den großen Masken aus Pappmaschee. Vom sich Begegnen, Wiedertreffen und Weggehen handelt ihr Stück - ein poetischer Auftakt der Nippes-Nacht.
Um die Ecke im "Machet" geht es schon rustikaler zu. Singer / Songwriter Tom unterhält die Kneipengäste mit selbst komponierten Liedern zur Gitarre. Wer schon die 40 überschritten hat, und das sind einige Besucher der Nippes-Nacht, freut sich über den Sound der 70er, den Tom Words mit seiner Musik rüber- bringt. Publikum und Künstler genießen die Atmosphäre, Backstage ist im engen Lokal einfach hinter dem Tresen. Words ist begeistert: "Das ist mein Rahmen, hier hören die Leute richtig zu." Das war den ganzen Abend über in der "1 / 4 Bar" nur unter tropischen Temperaturen möglich, denn das kleine Lokal an der Steinberger Straße, vor einem halben Jahr noch ein Wettbüro, war ab 20 Uhr gestopft voll. Zuhören und schwitzen war angesagt beim Jazz mit dem Francesca Simone Trio; Shade of Pale boten Lieder ohne Musik, und wer die Sauna bis 23 Uhr durchhielt, wurde mit Gedichten belohnt. Das jüngere Publikum fühlte sich hier am wohlsten.
Jenseits der Neusser Straße im "Basil´s" am Leipziger Platz freute sich Comedian Matthias Seling über die "zwei Fahrgemeinschaften", die sich zu seinem Auftritt eingefunden hatten. Aber der Österreicher mit seiner klassischen Stand-up-Comedy, gewürzt mit viel schwarzem Humor, gefiel - und nach und nach füllte sich auch der Gastraum. Spaß hatte auch Wirtin Gabi Naimian hinter der Theke. "Ich finde die Nippes-Nacht total klasse, bin schon von Anfang an dabei. Finanziell bringt mir das zwar nichts", lautete ihre ehrliche Antwort, "aber ich hoffe, dadurch kommen neue Leute nach Nippes, die Kneipen machen auch mal untereinander was und Nippes präsentiert sich als Viertel." Apropos präsentieren: Das klappte zur selben Zeit im "Kornbrenner" schon ganz gut, denn die Gaststätte präsentierte sich mit der Schäl Sick Brass Band als erste Karnevalskneipe von Nippes. Die sechs Bläser brachten die Stimmung zum Kochen, es wurde gewippt und gesungen - eben Karneval im Sommer.
Ein echtes Kontrastprogramm gab es dagegen im "Fabrikcafé" mit Klezmer, gespielt vom Duo "Nu". Mit Klarinette und Akkordeon ließen die beiden Interpreten die Musik, die ein Teil der osteuropäischen jiddischen Kultur ist, tanzen und singen und brachten die Freude und Trauer des Lebens zum Klingen. Die Begeisterung sprang auf die Zuhörer über, die teilweise nur noch auf dem Boden Platz fanden. Einen Stehplatz an der Tür hatte Ulrike Kaempfert aus Nippes ergattert. Sie ist selbst Musikerin, und die Nippes-Nacht ist für sie eine gute Gelegenheit zu gucken, was die Kollegen machen. "Die zwölf unterschiedlichen Orte finde ich auch ein gutes Forum für die ganz unterschiedliche Musik, die hier geboten wird." Die ungewöhnlichste Location stellte an diesem Abend sicher der Blumenladen "flora flora" von Katrin Kessler dar. Selbst Frank Muschik vom gleichnamigen Funk-Jazz-Trio war bei der ersten Besichtigung noch skeptisch, aber nach seinem Auftritt zwischen Rosen und Rittersporn begeistert: "Die Akustik war richtig gut und die Leute haben zugehört."
Gegen 23 Uhr trafen sich schließlich alle die Nachtschwärmer, die es noch einmal ordentlich krachen lassen wollten, in der Kulturkirche zur Abschlussparty mit Trance Groove. Einer dürfte den Gig schmerzlich vermisst haben: Schlagzeuger Stefan Krachten hatte ein paar Tage zuvor einen Bühnenunfall erlitten und musste ins Krankenhaus statt in die Kulturkirche - Ersatzmann Piid Plötzer ließ allerdings nichts anbrennen. Für Organisator Thomas Diederichs von der Kulturkirche war die fünfte Auflage der Kulturnacht im Veedel jedenfalls ein Super- erfolg und "eine richtig gute Nacht".